Es war nötig
Ruth Galinski, 45 Jahre lang Begleiterin des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Heinz Galinski, wird 80.

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Die telefonische Wegbeschreibung zu ihrer Grunewalder Wohnung ist präzise. Und dann soll ich bei H.G. klingeln. H.G.? „Ach“, korrigiert sich Ruth Galinski, „ich meine R.G., ich denke immer noch, dass der Name meines Mannes an der Tür steht.“

Am 19. Juli wird Ruth Galinski achtzig. Nach Feiern ist ihr nicht zumute, denn am 19. Juli 1992 ist Heinz Galinski gestorben.

Es war nicht leicht, einen Interviewtermin mit der eleganten Dame im lachsfarbenen Blazer zu bekommen. Als ich sie Ende Januar anrief, klang sie schwach. Vier Beipässe hatten die Ärzte ihrem Herzen verpasst, sie stand kurz vor einem längeren Aufenthalt in der Reha-Klinik. Als ich sie im Juni besuchte, war sie alles andere als die gebrechliche Frau, die ich erwartet hatte. 

Die in Dresden als Tochter eines jüdischen Kaufmanns aus Bialystok geborene Ruth Weinberg muss immer schon eine Frau der raschen Entscheidungen gewesen sein. Am 27. Oktober 1938 wurde sie im Rahmen von Hitlers „Polenaktion“ mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Polen deportiert. In einem Lager bei Warschau, in dem die Familie bis Kriegsbeginn untergebracht war, lernte sie den Anwalt Leon Davidson kennen und heiratete ihn ebenso kurz entschlossen wie sie 1947 den „tatkräftigen, zupackenden, schnell denkenden“ Heinz Galinski heiratete.

Dazwischen jedoch lag eine Zeit, die Ruth Galinski am liebsten überspringt oder nur kursorisch zusammenfasst: ein halbes Jahr im Warschauer Ghetto, acht Personen in einem Zimmer, die Flucht mit falschen Papieren auf die polnische Seite, ein Leben im Versteck, die ständige Angst vor der Entdeckung, der mehrmalige Wechsel der Wohnadresse. 1943 wollte Davidson seine Eltern aus Lemberg holen, wurde auf der Straße erkannt und kam nicht wieder. Nach dem Warschauer Aufstand dachten die überlebenden Juden, es sei vorbei. Doch die Rote Armee zog sich auf die andere Seite der Weichsel zurück, und der Krieg ging weiter. Ruth flüchtete in die Berge und schloss sich in der Hohen Tatra einer Wiederstandsgruppe von Intellektuellen an. Nur der Anführer wusste, dass sie Jüdin war. Wegen ihres Akzents im Polnischen hielt man sie für eine Tschechin.

Anfang 1945 waren dann plötzlich die Sowjets da. Es war vorbei. Ruth ging nach Krakau, fand eine Arbeit als Kassiererin in einem Geschäft, ließ sich in der Jüdischen Gemeinde registrieren und hoffte auf ein Wunder. Dann kam der Brief des Vaters aus Argentinien: Mutter und Bruder sind wohlauf, fahr nach Berlin und warte auf dein argentinisches Visum.

Am 1. Juli 1947 lernte Ruth Weinberg Heinz Galinski kennen. Er war Zuschauer auf dem Hakoa-Sportplatz, sie spielte in der von ihr aufgebauten Handballmannschaft. An ihrem Geburtstag feierten sie Verlobung, im Oktober heirateten sie. Immer noch wollte Ruth Galinski auswandern, ein Weiterleben in Deutschland erschien ihr unvorstellbar. Als das Visum für die Vereinigten Staaten endlich eintraf, war ihre Tochter unterwegs. Sie beschlossen zu bleiben – sehr zur Zufriedenheit ihres Mannes, der für sich in Deutschland eine wichtige Aufgabe sah. Ruth Galinski hat es nicht bereut.

Mutter und Bruder wanderten 1947 nach Argentinien aus. Die Eltern sind am Jüdischen Friedhof von Buenos Aires begraben. Der Vater ist kein einziges Mal nach Deutschland zurückgekehrt. Den Mann seiner Tochter hat er nie kennen gelernt.

Es war ein interessantes Leben, das Heinz Galinski seiner Frau bot. Als seine Ehefrau hat sie Politiker, Könige und Künstler kennen gelernt. Sollte sie jemals eigene Ambitionen gehabt haben, sie hat es gut verborgen. „Es konnte nur einer in der Familie in der ersten Reihe stehen“, sagt sie ohne eine Spur des Bedauerns. Es war eine bedingungslose Liebe: „Er hat mich stark gemacht. Hätte er von mir verlangt, mit ihm zu den Eskimos zu ziehen, ich hätte es getan.“

1953 baute Ruth Galinski zusammen mit Jeannette Wolf und Lilli Marx den Jüdischen Frauenbund wieder auf, um an die Vorkriegstradition anzuknüpfen. Heutige Feministinnen lächeln über das Programm: Nachmittagstreffen mit Kaffee und selbst gebackenem Kuchen, bunte Programme mit Gesangsdarbietungen, Vorträge über Altenpflege und Kosmetik. Emanzipation war kein Thema. Ruth Galinski fühlte sich auch damals schon selbstbewusst genug: „Wir hatten das nicht nötig.“. Die Aufgabenteilung bei den Galinskis war klar geregelt: „Da ich nicht berufstätig war, habe ich mich natürlich für den Haushalt verantwortlich gefühlt.“

Kein Thema im Jüdischen Frauenbund waren auch die Lager- und Exilerfahrungen der etwa 500 Mitglieder, bei drei- bis viertausend Gemeindemitgliedern bundesweit eine beachtliche Zahl. Man war froh, es hinter sich zu haben und wieder frei zu sein. Es ging eher darum, den Frauen, die so viele Familienangehörige verloren hatten, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu vermitteln, ein bisschen Wärme. 

Die erste Zeit nach dem Krieg war keineswegs ein Vergnügen in Deutschland. Nur langsam gewöhnte sich Ruth Galinski an den Gedanken, Deutsche zu sein: „Wann immer ich konnte, sprach ich Polnisch.“ Ihre Freunde suchte sich das jüdische Paar sorgfältig aus: „Man hat gesiebt, sonst hätte man nicht überlebt, man lebte wie unter einem Glassturz.“ Freunde hatten die Galinskis auch unter der amerikanischen Besatzungsmacht: „Als sie weggingen, war ich richtig traurig. Sie waren so unmilitärisch.“

Ein Leben in Freiheit konnte Ruth mit Heinz Galinski auch später nicht führen. An  Morddrohungen mussten sie sich gewöhnen, an Panzertüren und Panzerglasfenstern in der Wohnung. Von Palästinensern und Neonazis bedroht, bewegten sie sich fünfzehn Jahre lang nur im Panzerwagen fort. Umso mehr genossen sie ihre Urlaube im Ausland, die einzige Zeit, in der sie den Beamten des Staatsschutzes entkommen konnten. Der Ordner mit den Stasi-Unterlagen über ihren Mann, der die geplante Ermordung von Heinz Galinski durch ein palästinensisches Terrorkommando belegt, wird immer dicker.

Heinz Galinski machte nach außen einen strengen, herrischen Eindruck. Es ist nicht leicht, die Rolle des ständigen Mahners zu spielen. In Wirklichkeit, erinnert sich Ruth wehmütig, war er ein humorvoller Mensch und liebte es, jüdische Witze zu erzählen. Heute, wo man in der Repräsentantenversammlung die Achtung voreinander verloren hat, weint man dem Respekt gebietenden Galinski nach und legt Blumen auf sein Grab.

Was nicht heißt, dass es in ihrer langen Ehe nicht auch Kämpfe gegeben hätte, besonders in der ersten Zeit. Gewiss hatte sie mit ihrem Leben einst anderes vor als in der Rolle einer  „First Lady“ Kinderferienlager und Altenheime zu besuchen. Wenn Heinz Galinski zu arbeiten hatte, zog er sich in sein Zimmer zurück und durfte nicht gestört werden. Doch im Laufe der Jahre bezog er seine Frau immer mehr in die inhaltliche Arbeit ein, bis letztlich keine seiner Reden gehalten wurde, ohne dass Ruth Galinski das Manuskript vorher begutachtete.

„Je älter meine Frau wird, desto aufmüpfiger wird sie“, pflegte er zu sagen. „Je länger wir zusammen waren, desto besser haben wir uns verstanden“, sagt sie.

Als er an derselben Operation starb, die Ruth Galinski eben hinter sich gebracht hat,  war es ein schwerer Schlag: „Man verliert nicht nur einen Mann, sondern auch einen gesellschaftlichen Status, einen ganzen Umkreis.“ Heinz Galinski war Ehrenbürger von Berlin und noch steht seine Frau auf der Protokollliste, hat gute Kontakte zur israelischen Botschaft und zum Journalistenverband. Beim Pressefrühstück plaudert sie wie in alten Zeiten mit Hans-Friedrich Genscher. „Amputiert“, wie sie sich fühlt, hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, das Erbe Heinz Galinskis zu bewahren. So hat sie durchgesetzt, dass die Schulstraße, in der das Jüdische Krankenhaus steht, heute Heinz-Galinski-Straße heißt - einige Jahre früher als es die Bürokratie für einen Verstorbenen vorsieht.

Ruth Galinski, die nach dem Tod ihres Mannes ihre gemeinsame Wohnung mit den Panzerglasfenstern gegen eine helle Dreizimmerwohnung mit Garten im Grunewald tauschte, beobachtet die Ereignisse in Deutschland und Berlin genau. Wenn ihr eine Veranstaltung wichtig erscheint, wie die Kundgebung in der Oranienburger Straße gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, ist sie zur Stelle. Noch hat kein Veranstalter sie eingeladen, sich öffentlich zu äußern. Selbstverständlich würde sie es tun.

Stolz ist Ruth Galinski, dass sie – als einzige Frau, als einziger Nichthäftling und als einzige Jüdin – für den Zentralrat in den Beirat der Stiftung Gedenkstätten Dora Mittelbau berufen wurde. Und sie ist Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Hilfe für krebskranke Kinder.

Bei der diesjährigen Konferenz von Bet Debora in Berlin, auf der Kantorinnen, Rabbinerinnen und Theologinnen über die veränderte Familie im Judentum debattierten, berichtete sie über ihre Aufbauarbeit des Jüdischen Frauenbundes, dessen Berliner Gruppe in den 90er Jahren sanft entschlafen ist. „Natürlich lebe ich in dieser Welt“, räumt sie ein, doch die von den Vereinigten Staaten nach Deutschland gekommenen Entwicklungen im Judentum sind für sie „gewöhnungsbedürftig“. Bestickte Kippas auf Frauenköpfen findet sie lächerlich. Hinter dem Gitter der Synagoge in der Joachimsthaler Straße fühlt sie sich nicht wohl, an die nach dem Geschlecht getrennte Sitzordnung in der Pestalozzistraße ist sie gewöhnt. Wird nicht eher die Orthodoxie das Judentum weitertragen, fragt sie sich. Um dann gleich weiterzufragen: Vielleicht ist Reform aber auch die Rettung des Judentums für die nächste Generation.

Viel eindeutiger fällt ihr Urteil über aktuelle politische Ereignisse aus. Am rechten Auge blind sei man immer noch in Deutschland:  Keine Prozesse gegen Nazirichter und Naziärzte, sehr wohl aber gegen DDR-Politiker. Hartes Durchgreifen gegen RAF-Aktivisten,  Milde gegenüber Neonazis. „Ich bin für ein Verbot der NPD und aller anderen Nazivereinigungen.“

War es richtig, in Deutschland zu bleiben? War es richtig, sein Leben dem Wiederaufbau des jüdischen Lebens hier zu widmen? Manchmal beschleicht Ruth Galinski der Zweifel. Neonazis in Deutschland, ethnisch motivierte Kriege in aller Welt – „die Menschen haben nichts gelernt“. Das Medieninteresse und die bekundete Betroffenheit über rassistische Gewalt reichen nicht – „Taten will ich sehen!“  Als eine, die dabei war, damals, weiß sie, dass gefährlicher als die geistlosen Gewalttäter jene sind, die schweigend zusehen.

„Ich hoffe, dass es nicht sinnlos war“, resümiert sie. „Es war nötig.“  Es wird ihr niemand widersprechen.

 

Gekürzt erschienen in: „Allgemeine Jüdische Wochenzeitung“, 19. Juli 2001

Es war nötig © 2001 Erica Fischer

 

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