O-Ton 1
Ich sah ein Dia, auf die Wand von einem Berliner Wohnzimmer geworfen,
und auf dem Bild war ein wunderbares Tal, auf das durch die Wolken einzelne
Sonnenstrahlen und grüne Wiesen und Berge fielen...
Erzählerin
Sigrid Fronius, einundsechzig Jahre alt, im Mai 1968 in Berlin erste
weibliche Asta-Vorsitzende an der Freien Universität, heute Betreiberin
eines Gästehauses in der Nähe des 3 000-Seelen-Dorfes Coroico,
vier Autostunden von der bolivianischen Hauptstadt La Paz entfernt.
O-Ton 2
... und dann sah ich ein anderes Bild von einer Veranda, auf der eine
Hängematte hing, und ganz viele Blumen im Garten. Und ich glaub,
diese Bilder haben mich völlig fasziniert und ja in einen Zustand
der Verliebtheit versetzt.
Musik
Erzählerin
So fing es an. Eine schlaflose Nacht und Sigrid Fronius, damals noch
Pädagogische Leiterin beim Deutschen Entwicklungsdienst, hatte
sich entschieden. Zusammen mit einem befreundeten Ehepaar kaufte sie
das Haus und zog vor genau zwanzig Jahren von Berlin nach Bolivien,
um ihr Grundstück in den Anden in Besitz zu nehmen.
Atmo 1 Band 4 ID 1 (Grillen und Vögel)
Erzählerin
Aus dem für eine linke Aktivistin naheliegenden Plan einer Landkommune
wurde aller-dings nichts. Sigrid Fronius blieb allein. 20 Minuten Fußweg
von Coroico entfernt liegt ihr grün gestrichenes Haus, von dessen
Veranda aus sie über den in Stufen abfallenden Garten hinunterblickt
und bei klarem Wetter bis tief hinein in die grünen wie mit Moos
überzogenen Falten der Berge.
Atmo 1 hochziehen
Erzählerin
1800 Meter hoch liegt ihr Anwesen, in den Weihnachtsferien war ich dort.
Die Temperatur stieg nie über 25 Grad, die Luftfeuchtigkeit legte
sich wie ein wohliger Film auf die Haut. Ich bewohnte ein Häuschen
aus Bambus und Glas namens Alaya und hatte Herzklopfen, wenn ich in
der stockfinsteren Nacht den Schlüssel in die Tür steckte.
Angstgefühle einer europäischen Städterin.
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0-Ton 3
Also richtig Angst hatte ich nie. Ja, ich hab abends die Fenster zugemacht,
aber derjenige, der uns dieses Haus verkauft hat, hat mich hierher gebracht,
und als wir ins Haus hineinkamen, hat er gesagt, hier gibt's nur gute
Geister. Und das war irgendwie so ein sehr hilfreicher Satz, und dieses
Gefühl hatte ich auch immer, obwohl ich nie an schlechte Geister
geglaubt hab, aber trotzdem: Man kann sagen, dass man sich von Wohlwollen
umringt fühlt, und das war sehr schön.
Erzählerin
Alle zwei Tage steigt Sigrid Fronius ins Dorf hinunter, zum Einkaufen
und ins Internet-Café, und ab und zu fährt sie nach La Paz.
Atmo 2 Band 2 ID 7 (Geräusche von Coroico mit dem
Ruf "La Paz")
Erzählerin
Noch treten nur wenige Urlauber die riskante Fahrt von La Paz nach Coroico
an. Über den 4 500 Meter hohen Pass rattert der Kleinbus in steil
abfallenden Kurven durch Hochgebirge und Nebelwald die unbefestigte
und vom Regen ausgewaschene Straße hinunter in die liebliche Landschaft
der Yungas. Todesstraße wird die einzige Verkehrsverbindung zur
Hauptstadt genannt, und Kreuze säumen den Weg. Seit Jahren warten
die Bewohner von Coroico auf die neue Straße mit einer weniger
gefährlichen Trassenführung. Sollte sie wie versprochen in
diesem Frühjahr tatsächlich eröffnet werden, kann Fronius
mit mehr Touristen rechnen. Sol y Luna nennt sie ihr Gästehaus,
Sonne und Mond.
Atmo 3 Band 1 ID 16 (kreischende Fasane)
Erzählerin
Es ist eine sehr laute Stille, die den Gast in diesem Pflanzen- und
Vogelparadies umfängt. Am frühen Morgen begrüßen
kreischende Fasane und Hähne den Tag, am Abend stimmen die Hunde
ihr Konzert an, in der pechschwarzen Nacht zirpen die Grillen.
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Sprecherin
"Als Kind hatte ich eine Freundin mit einem großen Garten.
Ihre Großmutter gab jedem der Geschwister ein Beet, das es bepflanzen
konnte, um es wachsen zu sehen. Seither wünschte ich mir auch einen
Garten mit einem eigenen Beet darin. Doch wir wohnten zur Miete, und
das Haus war nur von Rasen und Büschen umgeben. Später in
Westberlin gab es nicht einmal das. Wir Studenten wohnten zum Hinterhof
hinaus und Schrebergarten' war für uns Revolutionäre
sowieso ein Symbol für Kleinbürger und Spießer."
Erzählerin
So schrieb Sigrid Fronius in einem Sammelband über "Kleinlandwirtschaft
im Zeitalter der Globalisierung". Bevor sie ihren Kindertraum verwirklichen
konnte, machte sie erst einmal viele Jahre Politik. Phase eins: Pionierin
im rumänischen Kronstadt, wo Sigrid als Tochter deutscher Babtisten
lernte, sich einer Minderheit zugehörig zu fühlen.
O-Ton 3
In der Schule war es eine Auszeichnung, Pionierin zu sein.
Und da ich immer zu den Klassenbesten gehörte, wurde ich auch
aufgefordert, bei den Pionieren einzutreten. Und meine christlichen
Eltern haben das überhaupt nicht gern gesehen. Überhaupt waren
die Deutschen in der großen Mehrzahl gegen den Kommunismus. Mir
hat das aber sehr gefallen, dieses Gruppenleben, Tanzen und Basteln
und Theatermachen, auch das zum Winterlager fahren und Schlitten fahren
und alle diese Jugendaktivitäten, die gefielen mir. Ich erinnere
mich, dass ich einmal als Klassenbeste einen Brief an Stalin schreiben
sollte, um für unsere Bibliothek zu danken, aber ich hab bei Bibliothek
das H vergessen und hab dann so viel radiert, dass, glaube ich, mein
Brief dann nicht abgeschickt wurde. Allerdings als er starb, da haben
wir uns alle versammeln müssen, es war eine Riesenmenschenmasse,
und dann wurden Kanonenschüsse abgegeben, und ich hab gesagt, so,
bei jedem Schuss jubelt mein Herz. Das war etwas ganz in mir drin, und
ich wusste, dass ich es auch niemandem zeigen darf - zumindest nicht
öffentlich, ja.
Erzählerin
Als Sigrid Fronius dreizehn war, durfte ihre Familie als eine der ersten
in Rumänien in den Westen ausreisen. Die Eltern blieben in Österreich,
Sigrid kam zu ihrer ältesten Schwester nach Stuttgart. Nach dem
Abitur folgten Phase zwei und drei: der Anarchist und der Argument-Club,
eine intellektuelle Kaderschmiede für die entstehende Neue Linke.
O-Ton 4
Ich hab mich in den Sohn von spanischen Anarchisten verliebt und bin
mit dem durch Italien getrampt, und er war sehr radikal und ein Anhänger
oder ein Bewunderer von Fidel Castro. Ich hab seine Empörung gegen
Ungerechtigkeit geteilt, aber mir hat die Methode, mit der er seine
politischen Äußerungen gemacht hat nicht gefallen, einfach
nur wütend zu sein. Und als ich dann nach Berlin kam und zu einem
Erstabend vom Argument-Club ging, da hat man mir dann - in dem Fall
war's der Wolfgang Fritz Haug - die gleichen Ideen vorgetragen, aber
diesmal ganz intellektuell und fundiert, und da war ich dann total begeistert.
Und bin dann auch jahrelang im Argument-Club gewesen und hab dort sehr
viel gelernt. Das war `63 bis`65, und `65 war ein anderes Erlebnis.
An der Berliner FU, wo ich Geschichte und Französisch studiert
hab, hatten die Studentenvertretung Erich Kuby, einen Journalisten,
eingeladen, und der hatte die Freie Universität als nicht so frei
in einem Artikel genannt, und das war damals Motiv, die Veranstaltung
mit ihm zu verbieten. Und dieses Verbot hat viele Studenten und auch
mich so empört, dass wir unser erstes SitIn gemacht habe, und
ab da gab's dann sehr viele Anlässe, uns gegen Verbote und Zustände
zu wehren.
Atmo 4 Band 4 ID 5 (Hundegebell)
Erzählerin
Auf bunten bolivianischen Decken sitzen wir auf der Veranda des grünen
Hauses. Sigrids halblanges Haar ist seitlich mit zwei Spangen festgehalten,
ihr gebatiktes gelbes Hemd hat sie im Dorf im Second-Hand-Laden gekauft.
Sie sieht aus wie aus einer anderen Zeit. Sie wirkt vollkommen entspannt,
irgendwie eingelullt von dem andauernden Gezirpe. Es fällt schwer,
sich zurückzuversetzen in die atemlose Zeit des Aufbruchs, in die
Phase vier: sich zu erinnern an die Zeit im Sozialistischen Deutschen
Studentenbund SDS.
O-Ton 5
Ich hatte immer ein ziemlich gesundes Selbstvertrauen zu mir, aber vorgeprescht
bin ich eigentlich nie, sondern ich wurde immer vorgebeten, und da kann
ich schon sagen, dass ich den Männern vom Argument-Club viel verdanke,
weil sie haben mich ständig gefördert und mir immer Dinge
zugetraut, die ich zu dem Zeitpunkt mir noch nicht zugetraut hatte.
Und dass wir vom Argument-Club dann zum SDS gegangen sind, da waren
schon mehrere Frauen, die mit aktiv waren, und ich glaub, wir haben
uns gegenseitig Mut gemacht, und insgesamt erinnere ich mich an eine
Atmosphäre, wo ich als Frau nicht zurückgehalten, sondern
eher ermutigt wurde, zum Beispiel zum Studentenparlament zu kandidieren.
Erzählerin
Und dann kam Phase fünf: der Allgemeine Studentenausschuss Asta.
Es war ein großer Schritt vom Arbeitskreis im Argument-Club zum
Mikrophon im Henry-Ford-Bau der Freien Universität. Die 26jährige
Studentin bewährte sich im Studentenparlament und wurde am 8. Mai
1968 zur Vorsitzenden des Asta gewählt, sie war die erste Frau
an der FU in diesem Amt. In dieser Funktion führte Fronius zwei
Rektoratsbesetzungen an, von denen eine in die Geschichte eingegangen
ist. Auf dem Foto ihrer Festnahme durch zwei Polizisten trägt sie
langes blondes Haar und ein hochgerutschtes Minikleid.
O-Ton 6
Bevor es zu so einer Besetzung kam, gab es x Vollversammlungen, Veranstaltungen,
und dann zog die gesamte - es waren vielleicht 1000 Studenten - zum
Rektorat, was eine kleine Villa im Garten ist. Und dann hat aber im
letzten Moment eine Sekretärin die Tür vor unserer Nase zugemacht,
und, ja, da hab ich gedacht, daran darf die Aktion jetzt nicht scheitern,
und hatte damals so Stöckelschuhe also noch getragen, und dieser
Stöckelschuh hat mir dann geholfen, eine kleine Fensterscheibe
zu zerbrechen, so dass man dann reingreifen konnte und die Tür
aufmachen. Ja, das finde ich (lacht) - eine kleine Sachbeschädigung,
die nicht tragisch ist.
Erzählerin
Asta-Vorsitzende blieb Sigrid Fronius nur ein halbes Jahr. Dann folgte
Phase sechs: Die Fabrik.
O-Ton 7
Als ehemalige Asta-Vorsitzende bin ich sehr viel zu Veranstaltungen
gegangen und hab die Ideen der Studentenbewegung dargelegt, und es war
für mich immer wichtiger, je mehr ich zu Gewerkschaften eingeladen
wurde, über die Arbeiterbewegung bescheid zu wissen. Und da ist
dann meine Motivation entstanden, in die Fabrik arbeiten zu gehen. Zur
gleichen Zeit gingen noch zwei Studenten, und es war überhaupt
nicht Mode, sondern ist auf meinem eigenen Mist gewachsen und meinem
inhaltlichen Interesse entsprungen. Allerdings habe ich dann und noch
einige das Beispiel gegeben, und ich find's auch nicht unbedingt richtig,
zu sagen, das sei eine Mode, das Wort Mode ist immer sehr abwertend.
Ich find's sehr positiv, wenn Studenten gesagt habe, dass sie diese
praktische Erfahrung haben wollen, dass wir nicht nur über das
Proletariat reden, sondern seine Arbeitsbedingungen kennen. Was ich
als sehr traurig finde und noch immer eigentlich unerklärlich ist,
wieso dann von diesen Studenten, aber auch von sehr vielen, die nie
in der Fabrik gegangen sind, diese kleinen Avantgarde-Parteien entstanden
sind, ja. Unsere Gruppe hat sich ziemlich lange als Sponti, als sogenannte
Sponti-Gruppe gehalten, mit sehr viel Bereitschaft, Erfahrungen zu
machen. Allerdings selbst in meiner Gruppe habe ich das sehenden Auges
miterlebt, wie die Männer immer mehr sich zu Avantgardisten entwickelt
haben, die die Massen brauchen, um sie dann zu führen. Als mir
das nicht mehr gefiel, bin ich dann aus meiner Gruppe rausgegangen und
aus dem Betrieb und hab dann mein Studium zu Ende geführt und Staatsexamen
gemacht.
Erzählerin
Beim Erzählen von diesen Erlebnissen ist Fronius fast lebhaft geworden.
Ich habe das Gefühl, dass diese Zeit für sie sehr wichtig
war. In der Phase sieben zog es sie in die Dritte Welt. Einen Monat
vor dem Putsch der Militärs im September 1973 reiste sie nach Chile,
schickte ausführliche Lageberichte nach Hause und zog schließlich
weiter nach Argentinien. Ihre anderthalb Jahre in Südamerika verarbeitete
sie zu einem Buch über die peronistische Arbeiterbewegung. 1975
begann Phase acht: die Frauenbewegung.
O-Ton 8
Ich glaub, es hat wenig mit mir selbst zu tun, sondern es war eher,
dass ich, wie ich vorher im Marxismus gesehen hab, dass der Kapitalismus
ein unmenschliches System ist, erkannt hab, dass das Patriarchat Frauen
unterdrückt und an ihrer Selbstverwirklichung hindert. Ein wichtiger
Moment war, dass ich mich in die Karatelehrerin verliebt hab, dass ich
dazu gestanden hab, dass ich eine Frau liebe und diese Beziehung gelebt
habe. Diese Frau hat mich sehr viel gelehrt, Tina Perinciulli kannte
ich noch von der Filmakademie, und sie war auch diejenige, die mir Literatur
gegeben hat und mich eingeladen hat zu Veranstaltungen, und kurz danach
haben mich auch Frauen eingeladen, bei der Frauenzeitschrift "Courage"
mitzumachen, die damals aufgebaut wurde.
Erzählerin
Die Aufregung von damals, die Flügelkämpfe in der Redaktion,
die Konkurrenz zwischen den Zeitschriften "Emma" und "Courage",
das alles scheint unendlich weit weg zu sein. Heute, in der Phase neun,
wird das Leben der Sigrid Fronius ideologisch nur noch von einem bestimmt:
der Spiritualität, der sie sich mit Haut und Haar verschrieben
hat.
O-Ton 9
Ich hatte nie so große Neigung zu dem Teil der Frauenbewegung,
der sich für die Göttin und Mond und diesen ganzen Bereich,
Magie, interessiert hat, das war mir eigentlich immer fremd. Was mich
in die spirituelle Richtung gebracht hat, das war das Erlernen von einer
japanischen Massage, Shiatsu, und da ist es wichtig, wenn man eine gute
Massage geben will, dass man selber sehr ausgeglichen ist, das heißt
ich hab dann Zen-Shiatsum kennen gelernt und Zen-Meditation, und da
hat mich die Stille sehr fasziniert. Beim Shiatsu lernt man auch, dass
wir nicht nur aus dem Körper und aus der Biologie bestehen, sondern
dass es feinere Energien gibt. Und das hat mich sehr angesprochen und
durch Lektüre verschiedenster interessanter Bücher hab ich
dann eine ganz neue Welt kennen gelernt, die mir wie zwanzig Jahre vorher
der Marxismus in dem Fall diese - man nennt das auch New Age oder neue
Spiritualität oder neue Religiosität - auch logisch sehr eingeleuchtet
hat zur Erklärung vieler Phänomene unseres Menschseins. (1'18")
Atmo 5 Band 4 ID 14 (Regen)
O-Ton 10
Schritte ... Hay unas periodistas alemanas que stan intervistando ...Gracias
... Okay: Jetzt zeig ich euch das größte der Häuschen,
das ist auch aus Adobe, sieht man gar nicht mehr, und es hat zwei große
Schlafzimmer, eine schöne Veranda, eine Küche, und auch Holzfußböden,
große Fenster zum Garten - Innentoilette, gekachelte, das gibt's
auch.
Musik
Erzählerin
Mit Sol y Luna ernährt Fronius nicht nur sich selbst, sondern etliche
Dorfbewohner und ihre Familien. Die Zusammenarbeit zwischen der deutschen
Chefin und ihren bolivianischen Angestellten ist zwar nicht das, was
sie sich vor zwanzig Jahren unter einer Landkommune vorgestellt hat,
sie nennt es dennoch Communa, und während des täglichen gemeinsamen
Mittagessens kommen auch Probleme auf den Tisch.
Atmo 6 Band 3 ID 10 (50'50") (Essen)
O-Ton 11
Die Frau des älteren Arbeiters war sehr sehr krank, und der Arzt
hat gesagt, sie muss zu einer Kopfoperation nach La Paz. Da war gleichzeitig
Straßenblockade von den Bauern, man kam sowieso nicht durch, und
da hab ich sie aufgefordert, hierher zu kommen, dass ich ihr eine Massage
geben kann. Ich hatte eine Freundin, Karin Abendrot, hier zu Besuch,
die auch Massage gibt, und dann haben wir uns abgewechselt und sofort
gemerkt, dass die Frau einen kaputten Kopf hat, weil sie die Zähne
zu viel zusammenbeißt. Sie fing sofort an zu reden, von ihrem
Unglück und von ihrer harten Arbeit, und wir haben es gemeinsam
geschafft, innerhalb einer Woche ihr ganzes System zu beruhigen, und
haben dann auch ihre Kinder eingeladen, an dem Massagekurs teilzunehmen.
Und plötzlich hatte ich also die ganzen Angestellten in meinem
Massagezimmer, und das war ein unglaubliches Erlebnis. Ja, und die
Frau ist nach zehn Tagen relativ gesund wieder nach Hause, und dann
haben die Kinder mir immer gesagt: Also jetzt sag mal dem Vater, dass
die Frau nicht so hart arbeiten soll. Die Familie respektiert mich,
und das tut mir sehr gut, weil ich vor allem eingreifen kann, wenn die
Männer die Frauen nicht richtig behandeln, und ich helfen kann,
dass die Frauen sich dagegen wehren. Ich hab natürlich nie gesagt,
ich bin Feministin, aber als ältere Frau und als Person werde ich
bei sehr vielen Konflikten um Hilfe gebeten und kann wirklich großen
Streit so schlichten, dass die Frauen da auch ihr Recht bekommen.
Atmo 7 Band 1 ID 5 (Brunnen)
Erzählerin
Es war ein langer Weg von der Tochter deutscher Baptisten im kommunistischen
Rumänien zu einem Aussteigerleben in den bolivianischen Anden.
Als Konstanten in dieser wechselvollen Geschichte erkenne ich das Leben
als Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft - und die Liebe zur Natur.
Atmo 7 hochziehen
O-Ton 12
Das ist hier ein 10 Hektar großes subtropisches Grundstück
und auf diesem Grundstück habe ich im Laufe der Zeit mehrere Häuser
oder Häuschen gebaut, sodass die Leute eben ganz in der Natur leben
können. Ich hab nie dran gedacht, dass ich jemals ein Hotel aufmachen
würde. Im Gegenteil, als die Touristen aus La Paz kamen und dann
hier ein paar Tage sich ausgeruht haben, da war ich noch etwas böse
auf sie, weil eigentlich mein Ziel war und immer noch ist, die Menschen
in der Stadt davon zu überzeugen, dass es viel schöner ist,
wenn wir alle auf dem Land oder in kleineren Städten leben, und
ich dachte, mit meinem Landleben hier, das die Leut nur sehr kurzfristig
genießen und sich außerdem sehr verstädtert laut benehmen,
dass ich ihnen nur helf, ihr Stadtleben erträglicher zu machen.
Also systemimmanent... Und inzwischen sehe ich es als einen ganz positiven
Beitrag an, Menschen die Möglichkeit zu geben, in der Natur zu
sein und sich dadurch stärken zu lassen und Stille zu erleben,
eine Nacht zu erleben, in der es noch dunkel ist, die Gerüche wahrnehmen
zu können. Und ich hoff schon, ein bisschen auch dadurch die Menschen
zu motivieren, etwas in ihrem Leben zu ändern. Also, ich bin einfach
immer noch so, dass ich die Welt verändern will.
Atmo 8 Band 1 ID 17 (Fasane und zirpende Vögel und
Grillen)
Erzählerin
Zwei Jahrzehnte hat Sigrid Fronius am Ausbau ihres Anwesens gearbeitet,
das sie "Seelengarten" nennt. Das kleine Restaurant ist an
eine Bolivianerin verpachtet, die sich auch um die Rezeption kümmert,
sie hat damit keine Arbeit mehr. Es ist geschafft. Eigentlich ist Fronius
noch viel zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen. Sie sagt von sich selbst,
dass sie die Einsamkeit genießt. Und doch glaube ich einen Mangel
an intellektueller Auseinandersetzung zu erkennen. Wenn Gäste
aus Deutschland kommen, stürzt sie sich jedenfalls mit Wonne in
Gespräche über Privates und Politisches. Als sie im Vorjahr
nach Berlin eingeladen wurde, hat sie den Trubel sehr genossen. Ebenso
jedoch die Rückkehr auf ihre Veranda mit der Hängematte, auf
der sie Tag für Tag in die Betrachtung der bunten Blumenvielfalt
versinkt, die beiden Collies zu ihren Füßen, die einäugige
Katze im Schoß. Und was nun? Aus einem jahrzehntelangen politischen
Engagement ist der spirituelle Glaube an Engel zurückgeblieben.
Sigrid Fronius sieht es nicht als Rückzug.
Atmo 8 hochziehen
O-Ton 13
Für mich ist es eine Fortentwicklung, eine Vertiefung. In der Studentenbewegung
war ich ganz beschäftigt mit den gesellschaftlichen Zuständen
und dem Wunsch, sie zu verändern. Danach kam die Frauenbewegung,
ja, da haben wir auch Zustände und uns selbst verändert.
Und eine weitere Vertiefung ist, das, was ein Selbsterkenntnis- und
ein spiritueller Ansatz ist. Also in der spirituellen Bewegung geht
man kaum jetzt hin, wie wir es in der Linken vielleicht manchmal übertrieben
haben, dass man andere überzeugen wollte, ja. In der spirituellen
Bewegung versucht man selbst das Anderssein zu leben und dadurch andere
anzustecken und sagen, na vielleicht gefällt's denen und dann machen
sie's auch. Das ist im Grund im Moment meine Haupttätigkeit, dass
ich selbst ein eigenes Leben führe, wo ich ein ausgeglichener
Mensch bin und so etwas von Ausgeglichenheit, Ruhe weitergeben kann,
durch die Massagen - und dann vor allem auch durch diesen Ort.
Atmo 8 hochziehen
Musik